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Zitat der Woche: Gott und der Fußball

von Fabienne Kinzelmann

»Fußball ist eine große Religion«, Goddy Leye

Die Zeremonie hat begonnen

Vor einer Woche fiel der Startschuss für die WM 2010, die halbe Welt scheint jetzt aus dem Häuschen und mit den Gedanken im weit entfernten Südafrika zu sein. Dort zelebrieren die teilnehmenden Fußball-Mannschaften den Kult auf dem grünen Rasen und ihre Anhänger feiern via Public Viewing mit.

Es erinnert stark an einen Gottesdienst: Wie jede ordentliche Liturgie beginnt ein Fußballspiel mit Gesängen. Die Stadtmannschaften haben ihre Lieder, die Nationalmannschaften gleich ganze Hymnen. Wohl keinem Fußball-Fan würde es je einfallen, allein ins Stadion zu gehen; zum gemeinsam feiern, Bier trinken und (stoß-)beten versammelt man sich in großer Runde. Dann erfolgt der feierliche Einzug der handelnden Personen.

»Der Herr sei mit euch«

Die nächsten Minuten und Stunden erfolgen nach festem Schema, jeder Fan glaubt fest an den Sieg seiner Mannschaft. Die Gläubigen wissen, welcher Situation sie mit welchem Ritual begegnen. Nach einem Tor wird der Friedensgruß zum euphorischen Sich-in-die-Arme-fallen und das Stoßgebet nicht selten laut und in den letzten Minuten im Chor verkündet.

Bei einem Hochamt, wie der Weihrauchsegnung, wenden sich die Akteure im Gottesdienst ausdrücklich ihren Anhängern zu. Auf dem grünen Rasen werden Elemente davon  übernommen. Den treuen Fans gegenüber, die im Stadion einen bestimmten Platz haben, drückt die Mannschaft –wenn auch nicht mit einem „Der Herr sei mit euch“ – ihre Ehrerbietung aus. Der Fußballgott ist eben mit all jenen, die ihm Freizeit, Geist und Stimme opfern.

Auf den Sieg!

Der Fußball ist eine noch junge, aber mächtige Religion. Fußball vereint seine Anhänger. Ein Fußball-Fan hat wohl kein Verständnis für jemanden, der sich bei Vuvuzela-Getröte die Ohren zu hält und die fremdländischen Spielernamen nicht aussprechen kann: Andersgläubige werden höchstens toleriert. Im Stadion wird nicht gepredigt, aber die Anhänger erstellen sich ihre „Lehre“ selbst. Der Glaube schweißt zusammen und gibt Lebensinhalt. Trotzdem hoffen nicht nur die Eingeweihten auf den Sieg ihrer Mannschaft, denn die Glaubenskrise nach einer weiteren verlorenen WM – die will man sich auch als nur indirekt in Mitleidenschaft gezogener nicht vorstellen.

20 Juni, 2010 Kein Kommentar

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