Home » Gesellschaft »Gesellschaft » Aktuell am lesen:

Zitat der Woche: Weise Schwiegermutter

von Andreas Hensler

»Ungarischer Zigeuner«, Marisa Bruni Tedeschi

Foto: "Louisa Manz" / www.jugendfotos.de, CC-Lizenz(by-nc)

Eine Polizeikontrolle, ein Schuss, ein Toter, eine aufgebrachte Menge, ein zerstörtes Dorf. In Frankreich wird seit zwei Wochen kein anderes Thema mit derart viel Populismus geführt, als der richtige Umgang mit Sinti und Roma. Bei einer Polizeikontrolle, deren Umstände noch nicht vollständig geklärt sind, wurde ein Roma von der Polizei erschossen. Daraufhin randalierten Angehörige in dem Dorf der involvierten Gendarmerie Nationale.

Das rief Präsidenten Sarkozy auf den Plan den „super flic“ (Oberpolizisten) zu geben. Er bezeichnete die aktuelle Situation als „nationalen Krieg“. Die Lösungsvorschläge seiner Regierung sind nicht gänzlich unumstrittenen: Zur Diskussion stehen Ausweisung „illegaler“, nicht sesshafter Sinti und Roma bis hin zu dem Entzug der Staatsbürgerschaft. Zusätzlich kündigte Sarkozy’s Innenminister Brice Hortefeux an, die Hälfte der illegalen Stellplätze räumen zu lassen.

Ablenkung von anderen Problemen

Kritiker werfen indes dem französischen Staatspräsidenten vor, die aktuelle Situation zu nutzen, um von den wahren Problemen abzulenken. Sarkozy sitzt nach Enthüllung einer Spendenaffäre um die L’Oreal-Erbin Bettancourt in einem Umfragetief. Diese soll ihm im Wahlkampf illegal Spenden zukommen lassen haben. Zudem stehen nächstes Jahr Wahlen an. „Law and order“-Wahlkämpfe sind in Europa keine Seltenheit. Die Liste derer umfasst unter anderem Jörg Haider „Buschneger“ oder Jürgen Rüttgers „Inder statt Kinder“.

Wie keine andere Bevölkerungsgruppe werden Sinti und Roma in Europa diskriminiert. Sinti und Roma bezeichnet der ehemalige EU-Kommissar Vladimír Špidla als „eine der größten ethnischen Minderheiten in der EU – zu oft jedoch die vergessenen Bürger Europas.“ Bei einer Studie der Europäischen Union aus dem Jahr 2009 gaben 81% von befragten Sinti und Roma an, die Opfer von Angriffen, Bedrohungen oder schweren Belästigungen wurden, dass die Übergriffe ihrem Eindruck nach rassistisch motiviert gewesen seien.

Interview mit der Schwiegermutter

Nun grätschte „Sarko’s“ Schwiegermutter dazwischen und gab der französischen Illustrierten „Paris Match“ ein Interview. Darin nannte Sie Sarkozy, dessen Vater ungarische Wurzeln hat, „liebevoll“ einen „ungarischen Zigeuner“, der „wenn er könnte, mit seiner ganzen Familie im Wohnwagen umherziehen würde“. Faktisch trägt diese Äußerung nichts zur Diskussion bei. Schaden würden es Sarkozy aber nicht, dem Rat seiner Schwiegermutter zu folgen, um wieder auf den Boden der Tatsachen zurückzukommen.

7 August, 2010 Kein Kommentar

Diesen Artikel kommentieren:







Aktuelle Print-Ausgabe (NOIR 19)

Nachbarn kann man sich zwar nicht aussuchen, aber man kann ihnen begegnen. Und das tun wir von den unterschiedlichsten Seiten: Wie leben Nachbarn in Andalusien, im Nahen Osten, im Klassenzimmer? Außerdem geht es in der NOIR um Hamster-Missverständnisse, Streber-Opas und plötzlichen Postboten. Ihr lest von den Kriegsnarben in Bosnien-Herzegowina und zwei Studentinnen, die spontan im Westjordanland einen Dokumentarfilm gedreht haben. Besser nicht verpassen.
Viel Spaß beim Lesen! »

Facebook

Kategorien