Home » Blogs »Jugendmedientage Stuttgart 2010 » Aktuell am lesen:

Assi TV – Dumm und Deutsch

von Verena Frank und Anne Schuller

Nachmittags, halb zwei in Deutschland. We are family, Britt und die Super Nanny – Mitten im Leben der Deutschen.

Diese, aus ethischer Sicht verwerflichen, Fernsehproduktionen sorgen immer wieder für Kopfschütteln im Lande. Kritiker sind der Meinung, dass es unverantwortlich sei, Menschen derart bloßzustellen und ihre Charaktere zu verfälschen. Die endlos ansteigende Anzahl solcher Serien führe zur Verdummung der Gesellschaft.

„Die Würde des Menschen ist unantastbar“

Eine derartige Medienlandschaft scheint den ersten Paragraphen des deutschen Grundgesetzes zu verletzen. Daher sind Kritiker der Meinung,  dass es in diesen Serien nicht mit rechten Dingen zugeht und fordern die Abschaffung des unverantwortlichen Programms.

Fälschlicherweise werden Hartz IV-Empfänger als typischer Fernsehzuschauer solcher Reality-Soaps und Talkshows angesehen. Allerdings schaltet mittwochs um 20.15 Uhr knapp ein Fünftel aller Fernsehzuschauer auf RTL, um sich die Super Nanny anstatt der Bundestagsdebatte auf Phoenix anzusehen. Die Wahrscheinlichkeit, dass dieses Fünftel nur aus Hartz IV- Empfängern besteht, ist sehr gering.

Es ist offensichtlich, dass viele dieser Geschichten frei erfunden sind, um ein eventuell weniger anspruchsvolles Publikum zu unterhalten. Im Grunde genommen steckt hinter diesen Geschichten dennoch oft ein wahrer Kern. Die dargestellten sozialen Probleme treten in Deutschland häufiger auf: Alkoholismus, ungewollte Schwangerschaften, Armut und Verhaltensstörungen kommen selbst in den besten Familien vor, werden aber oft verschwiegen.

„Deutschland hat das Fernsehen, das es verdient“, findet Jürgen Doetz, der ehemalige Geschäftsführer von SAT1. Michael Bart, ehemaliger TV-Produzent für die RTL Group, liefert hierfür die Erklärung: „Solange geschaut wird, wird gesendet.“  Das soll heißen, dass die privaten Sender uns „asoziale“ Sendungen nicht aufzwingen, sondern dass ein großes Publikum diese durch das Einschalten ebensolcher Sendungen fordert.

Talkshows und Reality-Soaps sind weder psychologisch wertvoll noch informativ. Trotz allem sind sie seit Jahren ein Teil unserer Fernsehkultur und dies lässt sich nicht so leicht ändern. Selbst die unzähligen Nörgler und Weltverbesserer werden durch ihre Kritik nichts erreichen. Menschen sind von Natur aus gerne schadenfroh und können sich im Vergleich zu den überspitzten Charakteren „normal“ fühlen.

Boulevardjournalismus mag noch so viele schlechte Seiten haben – es gibt auch eine andere Seite, die man nicht vergessen sollte. Er kann als Anreiz dienen, um zum Beispiel verzweifelte Mütter darauf aufmerksam zu machen, dass es soziale Einrichtungen und ausgebildete Fachkräfte in unserem Land gibt. Jene können den Müttern helfen, mit verhaltensgestörten Kindern besser klarzukommen.

Sowohl „Assi TV“ als auch „Weltverbesserer“ sind realitätsfern und unglaubwürdig geworden. „Assi TV“ überspitzt und verfälscht Charaktereigenschaften seiner Darsteller. „Weltverbesserer“ meinen jedoch, eine millionenschwere Industrie und die Gesellschaft mit ihrem Gerede ändern zu können. Und wenn wir alle ehrlich sind, lacht doch jeder gerne mit einem Bier in der Hand und Chips im Mund über quengelnde Kleinkinder und Teenager außer Rand und Band.

28 November, 2010 1 Kommentar

Aktuell gibt es "1 Kommentar" für diesen Artikel:

  1. privat sagt:

    assi tv / hartz 4 tv, heißt auch aus dem grund da, da viele eben dieser besagten personen du den nachmittäglichen sendezeiten zuhause sind und sich dieses tv-material einverleiben können…

    jedoch heißt das noch lange nicht das, dass auf alle zuschauen zutrifft, des weiteren bin ich der meinung das jmd. der assi tv schaut, noch lange keiner ist.
    oft dient diese material nur zur belustigung, was ist daran verwerflich?
    die meisten sendungen sind eh nur gespielt (extrem schlecht) was den spaßfaktor nur noch weiter steigert…

    wer jedoch diese sendungen für voll nimmt und dadurch gegebenfalls verdummt, ist selbst schuld

Diesen Artikel kommentieren:







Aktuelle Print-Ausgabe (NOIR 19)

Nachbarn kann man sich zwar nicht aussuchen, aber man kann ihnen begegnen. Und das tun wir von den unterschiedlichsten Seiten: Wie leben Nachbarn in Andalusien, im Nahen Osten, im Klassenzimmer? Außerdem geht es in der NOIR um Hamster-Missverständnisse, Streber-Opas und plötzlichen Postboten. Ihr lest von den Kriegsnarben in Bosnien-Herzegowina und zwei Studentinnen, die spontan im Westjordanland einen Dokumentarfilm gedreht haben. Besser nicht verpassen.
Viel Spaß beim Lesen! »

Facebook

Kategorien