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Zahnarzt in Bosnien

von Sophie Rebamann

Foto: "Ben Foertsch" / www.jugendfotos.de, CC-Lizenz(by-nd)

Letztes Wochenende wurde ich zur Schmerzmittelfreundin. Mein vorderster rechter, oberer Zahn gab schon Donnerstagabend leichte Schmerzsignale von sich, die ich ignorierte, um Freitagabends vor Schmerzen kaum einschlafen zu können. Obwohl in Banja Luka jeder zweite Bäckerladen fast 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche offen hat, war jede private Zahnarztpraxis Samstags geschlossen.

Die Notfalllösung wäre das Krankenhaus gewesen, in dem die öffentlichen Zahnärzte ansässig sind. „Aber geh da nicht hin! Das Einzige was sie da tun, ist dir den Zahn ziehen und fertig“, meinte Jelena, ein Mädchen meines Alters, das mir gegen Nachmittag starke und eigentlich rezeptpflichtige Tabletten vorbeibrachte. Ich glaubte das sofort, nach dem Blick auf das Lächeln einiger Menschen hier.

Auch durch Beziehungen (die hier normalerweise Wunder wirken) ließ sich die Wartezeit auf Sonntag verkürzen. Aus der Ferne stellte meine Zahnärztin in Deutschland die Diagnose, dass der Zahn wohl abgestorben war – ich habe ihm wohl über die Jahre zu viel zugemutet. Als kleines Mädchen fiel ich mir bei Nachbarschaftstollereien darauf, der Aufprall verkleinerte ihn um die Hälfte. Die rettenden Hände der Zahnärztin klebte ihm noch am gleichen Tag eine Ersatz-Zahnmasse an um ihn in Form zu bringen, bis zu dem Tag, an dem ich einen Köpfer im Freibad zu tief nahm, ihn wieder abschlug und wieder neu zukleben ließ. Jetzt sei er abgestorben, meinte die Ärztin. „Auf ein Ultraschallbild bestehen, schauen, ob eine dunklere Einfärbung zu sehen ist als bei den anderen, dann von hinten aufbohren lassen, Eiter abfließen lassen, ausspülen und Medikamente einfüllen.“, hieß es. „Lass dir den Zahn ja nicht ziehen!“, schärften mir auch meine Eltern ein und so zog ich einiges an Pillen und unschönen Schmerzen später begleitet von meinem Chef am Montagmorgen zu einer Praxis in den Kampf um meinen Zahn, so schien mir. Noch zuvor hatte mir ein Deutscher, der sich ebenfalls in Bosnien aufhält gewünscht „Ich hoffe für Sie, dass es beim Zahnarzt nicht allzu schmerzvoll abgeht.“ Eine gute Aufmunterung! Auch die Bekannten meiner Eltern bedauerten mich sehr, in Bosnien zum Arzt gehen zu müssen.

Eine Patientenaufnahme gab es nicht, von dem kleinen bestuhlten Flur landeten wir direkt im Behandlungszimmer in dem auf engstem Raum zwei Patientenstühle untergebracht waren. Zwei Zahnärztinnen bohrten an zwei Patientinnen während sich zwei weitere Zahnarztassistentinnen durch den Raum zwängten. Meinen skeptischen Blick hellte das deutschsprachige Plakat auf, auf dem alle möglichen Zahnerkrankungen abgebildet waren und das ich von der Praxis in Deutschland kannte. Auch die Mitgeb-Zahnbürsten auf einem Ständer im Ecke des Raumes waren „Swiss Toothbrushes“ – „Viel schlimmer als in Deutschland wird es hier sicher nicht zugehen“, dachte ich mir.

Auf dem Zahnarztstuhl angekommen schickte mich die Zahnärztin sofort zur Röntgenaufnahme in den Nachbarraum, bohrte und spülte das Loch später aus – für einen Preis, den ich in Deutschland nur für das Betreten der Praxis zahle.

Und obwohl sie etwas ruppig bohrte, danach mit einem nadelähnlichen Gerät an dem entstandenen Loch mit großem Druck auf den schmerzenden Zahn herumfeilte und das Absauggerät, das man während der Behandlung im Mund hat, nicht ganz so tatkräftig war wie in Deutschland, was bewirkte, dass mir zwischenzeitlich Flüssigkeit aus dem Mund lief, war es halb so schlimm wie erwartet.

4 Januar, 2011 1 Kommentar

Aktuell gibt es "1 Kommentar" für diesen Artikel:

  1. Blondi sagt:

    Hallo Sophie,

    also wenn ich das so lese dann kommt mri da einiges bekannt vor… :)
    wenn es nicht besser sein sollte (was ich nicht hoffe) dann kann ich Dir eine richtig gute Praxis empfehlen mit welcher ich wirklich sehr gute Erfahrungen machte…

    Viele Grüße
    Blondi

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