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Morgens halb Neun im Distrito Federal

von Maria Blenich

Foto: Maria Blenich

Mexiko Stadt, Metro-Station Hidalgo um acht Uhr morgens. Müde Gesichter, verschlafene Körper schieben sich die Rolltreppen herunter: Bitte einfädeln im täglichen Reissverschlussverkehr des Distrito Federal. Dicht gedrängt am Bahnsteig warten die Menschenmassen auf die rasant einfahrende Metro. Die Türen der Bahn öffnen sich für nur wenige Sekunden, bis sie sich gnadenlos wieder versuchen zu schließen. Gemeinsam werden sie auseinandergedrückt, bis sich auch der Letzte in die wenigen freien Zentimeter im Abteil eingefügt hat. Zentimeter, von deren Existenz man vorher nicht einmal ahnte. Voll ist die Metro erst, wenn jedes Körperteil des Nachbarn spürbar ist und Gliedmaßen, Ausdünstungen und die morgendlichen Geräusche von Hunderten von Menschen, sich bis zur nächsten Station zu einem gegenseitigen Geben und Nehmen vereinigen. Es ist heiß und klebrig.

Um diese Stadt kennenzulernen, ist der Blick auf die Vereinigung von Mensch und Verkehr  unverzichtbar. In der Metro sind Improvisationskünstler auf jedem Sitz- und Stehplatz zu finden. Frauen setzen sich mit müden Gesichtern und steigen nach einigen Minuten geschminkt wieder aus. Man kann die Fahrt damit verbringen, ihren Perfektionismus in der Kunst des Wimperntuschens mit einem Esslöffel zu beobachten oder hoffen, dass sie sich nicht in die müden braunen Augen stechen. Diese Überlegungen werden an jeder Station aufs Neue von Verkäufern unterbrochen, die mit durchdringenden Singsangstimmen ihre Waren anpreisen. Meist für „Dieeeez Pesos, Dieeeez Pesos“, ungefähr sechzig Cent, kann man Dinge wie Kekse, CD´s oder das neueste, raubkopierte Buch von Isabel Allende erwerben. Ein Junge spielt Zieharmonika, ein noch jüngerer verteilt Zettelchen mit der Bitte um Geld. Die Metro- Insassen schauen mitleidig zur Seite und geben die Papierchen zurück.  Die Schmerzgrenze wird allerdings erst erreicht, wenn ein Jugendlicher sich als Fakir ausgibt und seine Brust auf dem Fußboden in Scherben wälzt. Mit einem Ruck halten wir an. Gleichzeitig strömen die Massen nach draußen und nach drinnen, der ewige Kreislauf setzt sich fort.

10 Februar, 2011 Kein Kommentar

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