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„Müll abstellen verboten“

von Sophie Rebmann

Foto: Sophie Rebmann

„Müll abstellen verboten“: Neben dem Schild steht – zum Trotz? – jeden Tag der Müll. Gegen Ende des Tages stapelt er sich zu einem großen Haufen.

Nicht ungewöhnlich ist es, dass der Müll hier in Plastiktüten am Wegrand abgestellt wird oder am Gartenzaun hängt. Denn nachts kommt täglich die Müllabfuhr und sammelt jede einzelne Tüte ein.

Lange habe ich mich innerlich aufgeregt über die Plastiktüten, in deren Flut man hier in Bosnien fast versinkt. Egal ob essich um das Brötchen beim Bäcker handelt oder nur einen einzelnen Joghurt aus dem Supermarkt: In jedem Laden werden die Einkäufe schnell und geübt von der Verkäuferin in einen der rosa, blauen oder weißen Plastiksäcke verstaut, noch während ich nach meinem Geld suche. Effizienter wären die wiederverwertbaren deutschen Baumwolltaschen, die ich nun immer mit mir herumtrage. Dennoch verliere ich im Plastiktütenkampf mit der Bäckerin kläglich. Sie kann nicht verstehen, warum ich das Brot in der Hand nach Hause tragen will und steckt mir es täglich mit einem großmütterlich sorgendem Lächeln in eine neue Plasticktasche.

In gewisser Weise werden die Plastiktüten, mindestens teilweise, wiederverwertet: Normalerweise verzichten die Menschen auf extra gekaufte, große Mülltüten und stecken den Müll in die kostenlos im Laden erhaltenen Tüten.

Effizienter und umweltfreundlicher wäre auch eine Mülltonne für jeden Haushalt. Sie wäre langsamer voll als eine Plastiktüte und die Müllabfuhr müsste seltener kommen.

Aber diese müsste erst einmal flächendeckend organisiert werden – und das in einem Land, in dem der Alltag noch oft unorganisiert ist.

24 Januar, 2011 Kein Kommentar

Ein Auto muss es nicht immer sein

von Sophie Rebmann

Ein Auto muss es nicht immer sein - Foto: Sophie Rebmann

12 Januar, 2011 Kein Kommentar

Zahnarzt in Bosnien

von Sophie Rebamann

Foto: "Ben Foertsch" / www.jugendfotos.de, CC-Lizenz(by-nd)

Letztes Wochenende wurde ich zur Schmerzmittelfreundin. Mein vorderster rechter, oberer Zahn gab schon Donnerstagabend leichte Schmerzsignale von sich, die ich ignorierte, um Freitagabends vor Schmerzen kaum einschlafen zu können. Obwohl in Banja Luka jeder zweite Bäckerladen fast 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche offen hat, war jede private Zahnarztpraxis Samstags geschlossen.

Die Notfalllösung wäre das Krankenhaus gewesen, in dem die öffentlichen Zahnärzte ansässig sind. „Aber geh da nicht hin! Das Einzige was sie da tun, ist dir den Zahn ziehen und fertig“, meinte Jelena, ein Mädchen meines Alters, das mir gegen Nachmittag starke und eigentlich rezeptpflichtige Tabletten vorbeibrachte. Ich glaubte das sofort, nach dem Blick auf das Lächeln einiger Menschen hier.

Auch durch Beziehungen (die hier normalerweise Wunder wirken) ließ sich die Wartezeit auf Sonntag verkürzen. Aus der Ferne stellte meine Zahnärztin in Deutschland die Diagnose, dass der Zahn wohl abgestorben war – ich habe ihm wohl über die Jahre zu viel zugemutet. Als kleines Mädchen fiel ich mir bei Nachbarschaftstollereien darauf, der Aufprall verkleinerte ihn um die Hälfte. Die rettenden Hände der Zahnärztin klebte ihm noch am gleichen Tag eine Ersatz-Zahnmasse an um ihn in Form zu bringen, bis zu dem Tag, an dem ich einen Köpfer im Freibad zu tief nahm, ihn wieder abschlug und wieder neu zukleben ließ. Jetzt sei er abgestorben, meinte die Ärztin. „Auf ein Ultraschallbild bestehen, schauen, ob eine dunklere Einfärbung zu sehen ist als bei den anderen, dann von hinten aufbohren lassen, Eiter abfließen lassen, ausspülen und Medikamente einfüllen.“, hieß es. „Lass dir den Zahn ja nicht ziehen!“, schärften mir auch meine Eltern ein und so zog ich einiges an Pillen und unschönen Schmerzen später begleitet von meinem Chef am Montagmorgen zu einer Praxis in den Kampf um meinen Zahn, so schien mir. Noch zuvor hatte mir ein Deutscher, der sich ebenfalls in Bosnien aufhält gewünscht „Ich hoffe für Sie, dass es beim Zahnarzt nicht allzu schmerzvoll abgeht.“ Eine gute Aufmunterung! Auch die Bekannten meiner Eltern bedauerten mich sehr, in Bosnien zum Arzt gehen zu müssen.

Eine Patientenaufnahme gab es nicht, von dem kleinen bestuhlten Flur landeten wir direkt im Behandlungszimmer in dem auf engstem Raum zwei Patientenstühle untergebracht waren. Zwei Zahnärztinnen bohrten an zwei Patientinnen während sich zwei weitere Zahnarztassistentinnen durch den Raum zwängten. Meinen skeptischen Blick hellte das deutschsprachige Plakat auf, auf dem alle möglichen Zahnerkrankungen abgebildet waren und das ich von der Praxis in Deutschland kannte. Auch die Mitgeb-Zahnbürsten auf einem Ständer im Ecke des Raumes waren „Swiss Toothbrushes“ – „Viel schlimmer als in Deutschland wird es hier sicher nicht zugehen“, dachte ich mir. … weiterlesen

4 Januar, 2011 1 Kommentar

Das Kaffee-Phänomen

von Sophie Rebmann

Foto: Sophie Rebmann

„Coffee-to-go“ oder „Coffee-to-stay“ – der Blick über den Kaffetassenrand und die Wellen, die er schlägt

Mein SMS-Klingelton meldet sich, ein Blick aufs Handy: „I am going for a coffee, you wana come?“

Zeit für einen Kaffee hat hier jeder. Mit Freunden trifft man sich mindestens ein Mal am Tag in einem der unzähligen Cafés, trinkt und plaudert über das Leben. Vorbeilaufende Freunde halten zumindest für ein kurzes Gespräch an oder setzen sich einfach dazu und genießen an schönen Tagen die Sonnenstrahlen auf den Terrassen der Cafés, die sich an jeder Straße entlangreihen. Beim Kellner wird ein „Kaffe“ oder ein „verlängerter Kaffe“, etwa doppelt so groß wie der normale, bestellt. Cappuccinos gibt es auch, die Versuche meines Freundes, einen Latte Macchiato zu erhalten, scheiterte kläglich: Hier wird eben viel Kaffee getrunken, aber nicht vielseitig. So kostet der Kaffee auch fast überall 1,50 KM, umgerechnet 75 Cent. Dazu wird ein Glas Wasser serviert; manche Leute bringen sich ihre Kekse oder Chips dazu selbst mit, denn schließlich wird hier lang gesessen.

Wenn ich an Sonnentagen ab 16 Uhr die Straße entlanglaufe, sind die Cafés, die sie säumen, voll besetzt mit lachenden und redenden Menschen. Einige lesen Zeitung, sehr beliebt ist der Horoskopteil, oder beobachten die Passanten. „In der Universität lernst du, dass jedes Geschäft über Kaffee abgeschlossen wird“, erklärte mir mein Chef schon früh nach meiner Ankunft in Bosnien. Und tatsächlich haben wir den Mietvertrag für meine Wohnung in einem Café besprochen.

Während die Hollywoodstreifen den schnellen Kaffee der „westlichen“ Welt verbreiten, jedes Mal wenn sich wieder eine gehetzte, schick gekleidete Businessfrau auf dem Weg ins Büro, die Handtasche in der einen und den „Coffe-to-go-Becher“ in der anderen durch den Verkehr kämpft, sitzen die Menschen in Bosnien neben der Straße im Café. Mindestens eine Stunde lang genießen sie das „Sitzen“ über einer Tasse Kaffee an sich. Den „to-Go“ Becher habe ich bis jetzt nur an der Fensterscheibe eines Cafés gesehen, das ihn als Neuheit anpries. Denn wenn ein Kaffee während der Arbeitszeit getrunken wird, läuft einer der Angestellten ins nächstgelegene Café, bestellt ein paar Tassen und nimmt diese auf einem Tablett mit ins Geschäft, von wo sie später zurückgetragen werden. … weiterlesen

22 November, 2010 Kein Kommentar

Bürokratie auf bosnisch

von Sophie Rebmann

Foto: "Samuel Bayer" / www.jugendfotos.de, CC-Lizenz(by)

Zwei Wochen nach meiner Ankunft mache ich mich mit meinem Betreuer in Bosnien auf den Weg zur Polizei, um mich dort für das Jahr anzumelden. Wir betreten ein Haus, das von außen den Eindruck eines normalem Einfamilienhauses macht. Innen werden wir in einen Raum gebeten und setzen uns vor einen der beiden Schreibtische, auf denen noch einer dieser großen Röhrenmonitore den halben Tisch einnimmt. Hinter dem Kasten zieht die Beamtin die Augenbrauen hoch, als sie auf den Stempel in meinem Pass schaut, den ich bei der Einreise an der Grenze bekam. Da das Gesetz vorschreibt, jeder Ausländer müsse sich innerhalb von 24 Stunden polizeilich registrieren, ist ihr mein Stempel nach zwei Wochen zu alt.

Da alles seinen korrekten Weg gehen muss, kann sie mir ohne frischen Stempel keine polizeiliche Anmeldung für Ausländer in Bosnien ausstellen. Sie schlägt daher vor, zur Grenze zu fahren, nochmals aus- und einzureisen um mit dem frischem Stempel wieder vor ihrem Schreibtisch einzutreffen.

So steigen wir am nächsten Morgen tatsächlich ins Auto und fahren – glücklicherweise nur 40 Minuten lang – zur nächsten Grenzstadt. Innerhalb weniger Sekunden schlägt einer der Grenzposten einmal auf den Stempel und ich bin wieder offiziell in Bosnien.

Nach einem Kaffee – dafür ist in diesem Land immer Zeit – fahren wir zurück und erhalten von der etwas dicklichen Beamtin in nur fünf Minuten das nötige Papier – ein passgroßer Karton, auf dem meine Daten aufgenommen wurden.

9 November, 2010 Kein Kommentar

Aus Winter wird Sommer

von Andreas Hensler

Die weiße Moschee in Gračanica. - Foto: Andreas Hensler

In Bosnien kommt, mit etwas Verspätung, auch der Herbst. Die Menschen aus meiner Stadt sagen, alle Jahreszeiten sind hier extrem: Eisiger Winter, richtiger Sommer, goldener Herbst und der schönste Frühling. Doch der Wechsel zwischen den Jahreszeiten ist abrupt.

Der Weg zur Schule war stellenweise eher ein Matschacker mit wunderschönen Seenlandschaften. Man danke es dem bosnischen Regen. Es wurde richtig kalt. Der Schwedenpulli das einzige Mittel, das Festfrieren an den gefühlt kälteren Eisengegenständen zu vermeiden. Das Deutsch-Vorbereitungszimmer in meiner Schule ist auf  der Ostseite des Gebäudes. Der Beginn der Heizperiode lässt auf sich warten und eine Erwärmung durch die Sonne ist ausgeschlossen. Die einzige Wärmequelle: Kaffee, Kaffee, Kaffee und der geliebte Schwedenpulli.

Dem Hausmeister kann man nicht vorwerfen, er würde nichts tun. Das Gebäude ist gepflegt, glänzt und sauber. Doch, dass er an den bisher kältesten Tagen damit beginnt, die Fenster des Deutsch-Vorbereitungszimmers zu streichen, dass sollte man ihm schon übel nehmen. Denn für zwei Tage war der einzige Schutzwall zwischen der noch kälteren Außentemperatur einfach ausgebaut. Das Zimmer wurde zum Sperrgebiet, wollte man nicht erfrieren.

Der Hausmeister baute die Fenster wieder ein. Ich lobte ihn zwar für die frische Farbe auf dem Rahmen, erwärmte mich innerlich aber nur an dem Anblick des geschlossenen Fensters. In der Stadt sind bis auf das Rathaus und die Schule wenige Häuser an das Zentralheizungssystem angeschlossen. Dort feuert man mit Kohle, um zu heizen. Macht das die gesamte Stadt, dann hängt allabendlich eine Smog-Wolke in der Luft, die den Blick gen Himmel versperrt und im Rachenraum ein Dauerkratzen hervorruft. So oder so ähnlich, muss wohl früher das Ruhrgebiet gewesen sein, denke ich oft. … weiterlesen

25 Oktober, 2010 1 Kommentar

Zwischen Bomben picknicken

von Sophie Rebmann

Foto: "Jan-Henrik Wiebe" / www.jugendfotos.de, CC-Lizenz(by)

„Hä?! Wo liegt DAS denn?“ und „Mazedonien … ok …“ hörte ich in letzter Zeit des Öfteren. Ich wollte in das Land, das da liegt, wo dein Finger landet, wenn du vom Absatz des italienischen Stiefels nach rechts, übers Meer und durch das an der Küste liegende Albanien fährst – nach Mazedonien eben. Ich muss zugeben: Bevor ich von der Stelle gehört habe wusste ich auch nicht genau, wo das Land liegt. Aber eben das fand ich reizvoll: Ein uns relativ nahes dafür aber völlig unbekanntes Land entdecken. Nach dem Abitur nicht gleich weiter zu lernen, was Neues zu sehen, andere Menschen kennen zu lernen und sich für ein Jahr in einer ganz fremden Kultur zurechtfinden – das war mein Ziel. Außerdem wollte ich nach den 20 Jahren meiner Lebenszeit, in der ich nur bekommen und genossen habe, auch ein wenig abgeben und helfen können.

Einen langen Atem braucht man für die Realisierung eines Auslandsjahres, da die ersten Bewerbungen schon ein Jahr zuvor verschickt werden müssen, und kurz bevor es los geht, viel Spontanität. Vier Wochen vor Abfahrt, ich saß in Griechenland am Strand, kam eine Mail: „Sophie, wir müssen telefonieren. Mazedonien klappt nicht.“ Seit einer Woche weiß ich, dass ich nun in Banja Luka, Bosnien-Herzegowina, in einem Jugendkulturzentrum sein werde.

„Dann kannst du ja gut zwischen Bomben picknicken“, meinte meine Freundin. Ob das geht und was es dort noch zu sehen gibt werde ich hoffentlich ab dem 18.9., an dem mein Flug von Stuttgart nach Sarajevo geht, erfahren. Wer dabei sein will, kann hier gerne weiter lesen. Ich versuche, mich alle zwei Wochen zu melden.

20 September, 2010 Kein Kommentar

Ein Jahr Bosnien

Für ein Jahr werden Sophie Rebmann und Andreas Hensler im Rahmen eines Freiwilligendienstes in Bosnien-Herzegowina leben. Andreas verbringt dort ein Jahr im Rahmen des Programms „kulturweit“ in Gračanica, einer Stadt in der bosnischen Föderation. Er wird an einer Schule Deutschunterricht geben und sich an anderen AGs der Schule beteiligen. Sophie geht im Rahmen eines Freiwilligen Sozialen Jahres im Ausland nach Banja Luka, in die Hauptstadt der serbischen Entität in Bosnien um dort ein Jugendhaus mitaufzubauen. Die beiden werden abwechselnd aus verschiedenen Sichtweisen von ihren Erlebnissen auf dem Balkan und den Erfahrungen als Freiwillige berichten.

20 September, 2010 Kein Kommentar

Aktuelle Print-Ausgabe (NOIR 19)

Nachbarn kann man sich zwar nicht aussuchen, aber man kann ihnen begegnen. Und das tun wir von den unterschiedlichsten Seiten: Wie leben Nachbarn in Andalusien, im Nahen Osten, im Klassenzimmer? Außerdem geht es in der NOIR um Hamster-Missverständnisse, Streber-Opas und plötzlichen Postboten. Ihr lest von den Kriegsnarben in Bosnien-Herzegowina und zwei Studentinnen, die spontan im Westjordanland einen Dokumentarfilm gedreht haben. Besser nicht verpassen.
Viel Spaß beim Lesen! »

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