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EU-Politiker für einen Tag

von Niklas Golitschek

Foto: Niklas Golitschek

Ende Oktober veranstaltete das Europabüro der Friedrich-Ebert-Stiftung wie jedes Jahr ein Seminar für Nachwuchsjournalisten und angehende Redakteure. Es stand unter dem Thema „Pressearbeit am europäischen Projekt“. Okan Bellikli und Niklas Golitschek  nahmen am Seminar teil und berichten über ihre Eindrücke.

Der Höhepunkt des Seminars war die Simulation einer Ministerratssitzung zum „ordentlichen Gesetzgebungsverfahren der EU“, die im Sitzungsraum des Wirtschafts- und Sozialausschusses stattfand. Thema der Ministerratssitzung war dieVerhandlung über eine einheitliche Lebenmittelkennzeichnungsverordnung. Die 20 Teilnehmer bekamen bereits am Vortag ein Land und eine fiktive Rolle zugeteilt, um sich auf die Debatte vorzubereiten. Okan war der tschechische Wirtschaftsminister „Hurvinek“, Niklas bekam die Rolle des slowakischen Ministers „Zabavnik“ zugeteilt.

Das Gesetzgebungsverfahren in der EU ist ein langer und vor allem schwieriger Prozess. Weder der Ministerrat noch das Europäische Parlament können willkürlich neue Gesetze vorschlagen oder erlassen. Die EU-Kommission muss erst einen Vorschlag machen, der dann ausführlich diskutiert wird (Siehe Infokasten). Nach demselben Prinzip wurde auch die Simulation der Debatte durchgeführt, wobei die Kommission und das Europäische Parlament von der Simulationsleitung dargestellt wurden.

Da es bis zum jetztigen Zeitpunkt keine einheitliche Regelung der Lebensmittelkennzeichnung in den EU Mitgliedsstatten gibt, stell dies das Grundproblem der Debatte dar. In Deutschland wird das GDA-Modell (Guideline Daily Amount) verwendet. Das GDA-Modell gibt die Nährwertangaben in Prozent des täglichen Bedarfs an. In Großbritannien hat sich ein Ampel-Modell durchgesetzt, bei dem Produkte mit einem roten, gelben oder grünen Zeichen versehen werden, je nachdem, wie hoch der Gehalt an Nährstoffen im jeweiligen Produkt ist. Einig sind sich die Mitgliedstaaten darin, die sogenannten „Big Four“, den  Brennwert-, Eiweiß-, Kohlenhydrat und Fettgehalt anzugeben. … weiterlesen

9 Februar, 2011 Kein Kommentar

Kachelmann-Prozess: Eine Bilanz

von Julien Ferrat

Medienrummel im Kachelmann-Prozessl - Foto: Julien Ferrat

Ursprünglich sollte kurz vor Weihnachten am 21. Dezember das Urteil im Kachelmann-Prozess gesprochen werden. Doch daraus wurde nichts. Die Urteilsverkündung wurde zum zweiten Mal verschoben und wird nun für den 31. März erwartet. Seit knapp vier Monaten wird inzwischen im Saal 1 des Landgerichts Mannheim nach der Wahrheit gesucht.

Länger als 20 Stunden hat die Ex-Geliebte Claudia D. unter Ausschluss der Öffentlichkeit vor Gericht ausgesagt. Dass die Öffentlichkeit ausgeschlossen wird, ist in diesem Prozess keine Seltenheit. Ähnlich wie im Spielfilm „Und täglich grüßt das Murmeltier“ wiederholt sich immer wieder erneut derselbe Ablauf. Jemand beantragt den Ausschluss der Öffentlichkeit. Die Richter und Schöffen ziehen sich zur Beratung zurück. Nach einer rund 10-minütigen Verhandlungsunterbrechung verkündet der Vorsitzende Richter Michael Seidling seine stets gleiche Entscheidung in fast dem selben Wortlaut: „Für die weitere Vernehmung wird die Öffentlichkeit ausgeschlossen, da Umstände aus dem persönlichen und intimen Lebensbereich der Zeugin und des Angeklagten zur Sprache kommen deren Schutz das Interesse der Öffentlichkeit deutlich überwiegt.“ Die Journalisten und Zuschauer werden des Raumes verwiesen, Polizeibeamte durchsuchen den Gerichtssaal nach Wanzen und Abhörgeräten. Das öffentliche Interesse nimmt folglich kontinuierlich ab. Am zwölften Verhandlungstag sind nur noch zwei Zuschauer im Publikum, ehe der Ausschluss der Öffentlichkeit verkündet wird. In den Prozess wird kaum Einblick gewährt, umso wichtiger erscheinen die öffentlichen Statements der Prozessbeteiligten. Die Bewertungen könnten jedoch unterschiedlicher nicht sein. Kachelmann-Anwalt Reinhard Birkenstock verkündet: „Mit jeder Stunde, die die Vernehmung andauert, werde ich zuversichtlicher“. Staatsanwalt Lars-Torben Oltrogge kann darauf angesprochen nur lachen: „Ich halte das für Wunschdenken.“ … weiterlesen

3 Januar, 2011 Kein Kommentar

Fahrplansuche

von Alexander Schmitz

Zweites Schlichtungsgespräch zu Stuttgart 21 - Foto: Landeshauptstadt Stuttgart

Zur zweiten Runde des Schlichtungsgespräches zum geplanten Bahnprojekt Stuttgart 21 haben sich Projektgegner und -befürworter vergangenen Freitag im Stuttgarter Rathaus getroffen. Ein Erfolg ist die Einigkeit über den bisher mangelnden gegenseitigen Respekt beider Fraktionen. Besonders bedeutend ist, dass die Bahn bis nächsten Donnerstag einen aktuellen Fahrplanentwurf vorlegen will, anhand dessen die Leistungsfähigkeit des geplanten Tiefbahnhofes geprüft werden kann.

Diesmal nicht anwesend waren Ministerpräsident Stefan Mappus und Stuttgarts Oberbürgermeister Wolfgang Schuster. Neu hinzu kamen Wirtschaftsminister Ernst Pfister für die Projektbefürworter und auf der Seite der Projektgegner der Vorsitzende der Landtagsfraktion der Grünen, Winfried Kretschmann.

Friedenspflicht

Sofort zu Beginn der Schlichtung wollte Gangolf Stocker für das Aktionsbündnis wissen, was es mit den „L-förmigen Betonplatten“ auf sich hat, die seit Donnerstag im Mittleren Schlossgarten eingegraben werden. Nach der Auffassung der Gegner des Projektes „liegt diese Arbeit außerhalb der Friedenspflicht.“ Die Betonwinkel gehören „zu einem Arbeitsschritt, den wir in den Vorgesprächen als zulässig definiert haben, gemeinsam“, stellt Technikvorstand der Bahn Volker Kefer klar. Sie werden als Begrenzung zum Auffüllen und Verdichten des Unterbodens benötigt. Beide Seiten wollen die Betonwinkel bis nächsten Donnerstag angebracht haben. … weiterlesen

30 Oktober, 2010 1 Kommentar

Runder Tisch, aber keine runde Sache

von Alexander Schmitz und Clara Dupper

Heiner Geiߟler - Foto: Landeshauptstadt Stuttgart

Alle Fakten zum Bahnprojekt Stuttgart 21 sollen dargelegt und diskutiert werden, das haben Befürworter und Gegner zusammen mit dem Schlichter Heiner Geißler beschlossen. Bis Ende November wollen sie sich mindesten einmal in der Woche zu Vermittlungsgesprächen im Stuttgarter Rathaus treffen. Vergangenen Freitag fand die Premiere der Gesprächsreihe von zehn bis siebzehn Uhr statt. Sieger des Gesprächs ist jedoch allein Heiner Geißler, der die Diskussion charmant moderierte, denn allzu viele Fragen blieben offen.

„Wir können in dieser Schlichtung keinen neuen Bahnhof erfinden und was die Topografie betrifft, können wir leider Stuttgart auch nicht zu einer ebenen Stadt machen“, stellte der 80jährige CDU-Politiker Heiner Geißler rasch nach Beginn der Gespräche über die strategische Bedeutung und die Leistungsfähigkeit des Bahnprojektes klar. Er forderte eine „Versachlichung der Auseinandersetzung“ und eine Lösung in der Mitte, wie bei einer Tarifschlichtung. Dabei  müssten zuerst in einer Sach- und Fachschlichtung gemeinsame Grundlagen zwischen den Gegnern- und Befürwortern des Großprojektes Stuttgart 21 erarbeitet werden. Der ‚Faktencheck‘, wie es Ministerpräsident Stefan Mappus genannt habe, müsse zu einer gemeinsamen Bewertung der Fakten führen. In vielen Fällen werde dies gelingen, aber nicht in allen, weshalb danach jede Seite die Konsequenzen ziehen müsse, die sie für richtig hält.

Aufgabe der Politik

Stuttgart 21 wurde demokratisch legitimiert, allerdings sei es in einer modernen Mediendemokratie die Aufgabe der Politik, Beschlossenes immer wieder während der Realisierung den Menschen zu erläutern und zu begründen. Dazu soll die Schlichtung beitragen. Es ist ein großer Fortschritt, dass sich Gegner und Befürworter des Projektes zur Diskussion an einem Tisch treffen, da sie dadurch zeigen, dass sie eine fachliche Auseinandersetzung für richtig halten, betont Geißler und forderte: „Wir wollen hier keine Predigten hören und keine Glaubensbekenntnisse und wir machen hier auch kein historisches Seminar.“ Es solle sich nicht auf Vergangenes bezogen werden, sondern auf aktuelles und zukünftiges. … weiterlesen

26 Oktober, 2010 Kein Kommentar

Kachelmann-Prozess: Eine Analyse

von Julien Ferrat

Foto: Julien Ferrat

Ist der Meteorologe und Fernsehmoderator Jörg Kachelmann schuldig oder nicht? Diese Frage müssen zurzeit die Richter am Landgericht Mannheim mithilfe von Sachverständigen klären. Doch wer von den Beteiligten ist befangen und wer nicht? Zehn Prozesstage sind inzwischen vergangen. Zeit genug, um eine erste Zwischenbilanz zu ziehen.

Nach 132 Tagen Untersuchungshaft wird Jörg Kachelmann am 29. Juli 2010 aufgrund einer Entscheidung des Oberlandesgerichtes Karlsruhe aus der JVA Mannheim freigelassen. Nicht die Tatsache an sich, sondern vielmehr die Begründung der Richter in Karlsruhe sorgt für Aufsehen. Die Richter betonen nämlich, dass „kein dringender Tatverdacht“ mehr gegen den Beschuldigten Jörg Kachelmann vorliege. Nicht auszuschließen sei es laut der Begründung des Oberlandesgerichtes, dass das mutmaßliche Vergewaltigungsopfer Claudia D. den Schweizer Wetterexperten falsch belasten wolle. Die Justizbehörde begründet ihre Entscheidung damit, dass das mutmaßliche Opfer, das im Prozess ebenfalls als Nebenklägerin auftritt, bei der polizeilichen Vernehmung in einigen Fragen erwiesenermaßen gelogen habe. Hinsichtlich der Verletzungen stellt das Gericht fest, dass „neben einer Fremdbeibringung auch eine Selbstbeibringung nicht ausgeschlossen“ werden könne. Sowohl die Staatsanwaltschaft als auch das Landgericht haben eine mögliche Falschaussage des mutmaßlichen Opfers bisher jedoch stets außer Acht gelassen und die Schilderung Jörg Kachelmanns als „wenig plausibel“ erachtet. In einem Interview mit dem Kölner EXPRESS geht Kachelmanns Medienanwalt Ralf Höcker deshalb sogar so weit der Staatsanwaltschaft „blinden Jagdeifer, schlampige Ermittlungsarbeit und unseriöse Verfahrenstrickserein“ vorzuwerfen.

Zwei Richter werden der Befangenheit bezichtigt

Sechs Wochen später soll es zum ersten Verhandlungstag kommen. Der Prozessauftakt ist auf Montag, den 6. September, 9:00 Uhr angesetzt. Wie das Landgericht Mannheim in einer Pressemitteilung bekannt gibt, sind rund 80 Plätze für die Öffentlichkeit vorgesehen, Einlass ist um 7:30 Uhr. Schaulustige und „juristisch Interessierte“ warten bereits eine halbe Stunde vor Einlass in einer Schlange. Zu diesem Zeitpunkt ahnen sie noch nicht, dass ihr zweistündiges Ausharren bis zur Hauptverhandlung ihnen nur ein sehr kurzes Schauspiel bescheren wird. Während alle auf den Beginn der Verhandlung warten, reicht Kachelmanns Strafverteidiger Reinhard Birkenstock nämlich den 67-seitigen Befangenheitsantrag gegen den Vorsitzenden der 5. Großen Strafkammer, Michael Seidling, und seine Beisitzerin Daniela Bültmann ein. Der Befangenheitsantrag richtet sich vor allem gegen Richter Seidling, der im Nachbarort des mutmaßlichen Vergewaltigungsopfers wohnt und ihren Vater aus seiner Vereinstätigkeit kennen soll. Der Richter ist stellvertretender Vorsitzender des TSV Oftersheim, der Vater des mutmaßlichen Opfers ehemaliger Vorsitzender und Ehrenmitglied des TV Schwetzingen. Beide Sportvereine bilden gemeinsam die Handballgemeinschaft Oftersheim/Schwetzingen. In der Schwetzinger Zeitung hat Michael Seidling jedoch betont: „Ich kenne die Familie nicht.“ Im selben Artikel spricht der Richter allerdings nicht von einem mutmaßlichen Opfer, sondern schlicht von einem Opfer. Kachelmanns Verteidigung wertet dies als fehlende Unvoreingenommenheit. Seidling sitzt zudem für die Freien Wähler in seinem Heimatort Oftersheim im Gemeinderat. Oberbürgermeister René Pöltl aus dem Tatort Schwetzingen, der ebenfalls von den Freien Wählern unterstützt wird, hatte während der U-Haft Kachelmanns verkündet, dass er das mutmaßliche Opfer für „äußerst glaubwürdig“ halte. In den Medien wird folglich spekuliert, ob Kachelmanns Strafverteidiger Reinhard Birkenstock, der als ehemaliger SPD-Stadtrat mit politischen Abläufen auf Gemeindeebene vertraut ist, dem 60-jährigen Richter nun unterstelle ein öffentlichkeitswirksames Urteil erwirken zu wollen. In Folge des Befangenheitsantrags wird der Prozess nach rund zehn Minuten vertagt. Unmut und enttäuschte Gesichter machen sich im Publikum breit. Viele haben sich mehr erhofft. … weiterlesen

19 Oktober, 2010 Kein Kommentar

Von Kurvenwundern und Traumfiguren

von Jessica Christian

Foto: "Roman Henn" / www.jugendfotos.de, CC-Lizenz(by-nc)

Noch nie in der Geschichte der Menschheit hatte Schönheit eine so zentrale Rolle im Leben. Auf übergroßen Plakatwänden lächeln uns perfekte Models in ihrem Designerkleid an. Immer mehr Frauen und mittlerweile auch Männer sind verunsichert über ihr Äußeres und versuchen sich dem Schönheitsideal anzugleichen.  Ein kostspieliger und schweißtreibender Kampf.

Das Schönheitsideal, das die Medien präsentieren: Möglichst schlank, ein schmales Becken, dabei aber einen großen Busen. Für den Normalbürger kaum zu erreichen und anatomisch eine Seltenheit. Geschichtlich gesehen ist das heutige Ideal ziemlich ungewöhnlich. Körperfett war früher ein Privileg der Reichen, ein breites Becken galt als Zeichen von Fruchtbarkeit. Bis zum Beginn des 20. Jahrhundert galten deshalb Frauen als attraktiv, deren Körper mit typisch weiblichen Rundungen ausgestattet war.

So wundert es nicht, dass direkt nach dem Zweiten Weltkrieg, einer Zeit der Hungersnot, Frauen mit weiblichen Kurven, wie Marylin Monroe (Kleidergröße 42), als Traumfrauen galten.  Erst reichlich später, als die Versorgung mit Nahrungsmitteln in der westlichen Welt für alle gesichert war, wurde Schlankheit ein Zeichen von Reichtum. Mittlerweile hat sich die Beziehung zwischen Fett und Vermögen umgekehrt. In den USA ist starkes Übergewicht vor allem ein Problem der Unterschicht.

Schlank sein ist das Ziel, abgrenzen von der  fetten Masse.  Die Unsicherheit über den eigenen Körper wächst immer mehr. Nach einer Studie der Körperpflegeserie Dove finden sich nur zwei Prozent der Frauen „schön“ und fast die Hälfte glaubt, dass ihr Gewicht „zu hoch“ sei. Besonders schockierend: 92 Prozent aller Mädchen würden gerne mindestens einen Aspekt ihres Äußeren ändern, wenn sie die Möglichkeit dazu hätten. Das Unternehmen reagierte mit einer Kampagne, bei der völlig normale Frauen anstelle von Size-Zero-Models vor der Kamera stehen. Im Rahmen der „Initiative für wahre Schönheit“ sollen sie zeigen, dass auch „echte“ Frauen schön sind. Die Resonanz ist erstaunlich gut, begeistert berichtet die Presse vom mutigen Vorstoß des Unternehmens. … weiterlesen

14 Oktober, 2010 Kein Kommentar

Das Nasenpopel-Gen des Thilo Sarrazin

von Andreas Spengler

Thilo Sarrazin - Foto: "Richard Hebstreit" / www.flickr.com, CC-Lizenz(by)

Die Haare des Thilo Sarrazin haben die Farbe eines Elefanten; staubiges Elefantengrau. Früher war der ganze Sarrazin-Mensch wie ein Elefant: dickköpfig, mächtig, aber eigentlich friedlich. Doch dann nahm der Schrecken seinen Lauf: eine verbale Diarrhö. Eine Glosse von Andreas Spengler

Vielleicht hat Sarrazin früher mal Nasenpopel gelutscht, im Büro einen Furz entfleuchen lassen oder gar sein Auto auf dem Frauenparkplatz abgestellt. Womöglich war das sogar genetisch bedingt, genau weiß das keiner. Aber davon abgesehen tat er niemandem etwas zu Leide. Die Zahlenwelt war seine Steppe und genauso trocken: neun Jahre als Berliner Finanzsenator und als Vorstand der Bundesbank. Doch irgendwann – keiner weiß, woher der Durchfall kam, vorstellbar wäre eine Döner-Magenvergiftung – irgendwann jedenfalls, da begann Sarrazin zu kacken. Und wenn Elefanten kacken, dann kacken sie richtig. Sarrazin ließ alles raus: braun, gequirlt und dampfend. Und weil das schon von Weitem roch, kamen die Medien angeflogen wie die Mücken zum Kuhstall. Ein Bundesbankvorstand, der braune Worte zwischen zwei Buchdeckel presst; welch ein gefundenes Fressen! … weiterlesen

12 Oktober, 2010 1 Kommentar

Jenseits von Gut und Böse

von Emilia von Senger

Viele Hauptstraßen in Hebron sind durch Absperrungen getrennt; Palästinenser dürfen nur auf einer Seite laufen. - Foto: Emila von Senger

Die Realität der israelischen Besetzung des Westjordanlandes zwingt Soldaten gegen ihre moralischen Grundsätze zu handeln. Die Soldatenorganisation „Breaking the silence“ trägt das Dilemma der jungen Männer und Frauen in die Gesellschaft.

Willkürlich ein Haus wählen, die Tür aufbrechen, eine Großfamilie wecken, brüllen, Möbel umschmeißen. Eine Routinenacht für israelische Soldaten in Hebron, der zweitgrößten Stadt im Westjordanland. Die palästinensischen Familien wehren sich kaum; für sie sind die Untersuchungen und die nächtlichen Schüsse auf Straßenlaternen zur Normalität geworden. „Die Soldaten sollen den Palästinensern das Gefühl geben, dass wir zu jeder Zeit überall sind“, sagt der Israeli Ayal Kantz. Als Wehrpflichtleistender war er mit seiner Einheit in Hebron stationiert, heute arbeitet er für die israelische Organisation „Breaking the silence“ und führt Gruppen durch die Geisterstadt. „Die meisten Hauptstraßen in Hebron sind für Palästinenser gesperrt“, erklärt Ayal und zeigt auf eine verrammelte Ladenzeile: „Das waren alles palästinensische Geschäfte.“ Hebron war früher das wichtigste Handelszentrum im Westjordanland, doch ist in der Innenstadt von dieser Vergangenheit nichts mehr zu spüren. Die Straßen sind leer, Wege werden durch Stacheldraht und Barrieren versperrt. „Auf dieser Straße dürfen die Palästinenser nur auf der einen Straßenseite laufen“, sagt Ayal und grüßt zwei verschleierte Frauen auf der anderen Straßenhälfte. Um die Sicherheit der 800 israelischen Siedler im Zentrum von Hebron zu schützen, verfolgt die Armee das Prinzip der Trennung: Je weniger Berührungspunkte zwischen den Siedlern und den 180.000 Palästinensern bestehen, desto geringer ist das Konfliktpotential auf den Straßen von Hebron. … weiterlesen

8 Oktober, 2010 Kein Kommentar

Wo Kampf und Tanz sich küssen: Capoeira

von Anne Kratzer

Foto: Fábia Hafermann/ CCEA

Freund und Feind. Tanz und Kampf. Uralte Tradition und Spontaneität. Körper und Geist. Interaktion von Gruppe und Individuum. Gewalt und Ästhetik. Rhythmus und Musik. Kreativität und Kraft. Das ist Capoeira.

Das soziale Projekt, in dem ich in Brasilien arbeite, bietet Kindern und Jugendlichen Capoeirakurse an – Eine Alternative zu Drogen und Kriminalität.

Die afrobrasilianische Kampfkunst wurde im 18. Jahrhundert von Sklaven in Brasilien entwickelt, um ihre Freiheit zu bewahren und sich in Selbstverteidung gegenüber den Sklavenhaltern zu üben. Viele Jahrhunderte lang war Capoeira verboten.

In den Straßen der Favelas findet man einen singenden Kreis, die „Roda“. Diese Gemeinschaft ist der erste der drei Aspekte jeder Capoeira. Endlose Rhythmen und alte Lieder, begleitet von Trommeln und dem Capoeira Instrument Berimbau, bilden die Musik. Das ist der zweite Teil. Den dritten Teil bildet der akrobatische Tanz oder Kampf zweier Personen im Inneren des Kreises. Fairness, Respekt und Fröhlichkeit sind unverzichtbar. Die Dynamik, die dem immerwährenden Bewegungsfluss innewohnt, ist unbeschreiblich.

Foto: Fábia Hafermann/ CCEA

„Minha vida é capoeira.“ „Mein Leben ist Capoeira“ singt die „Roda“. Während die Gruppe ununterbrochen musiziert und alte Lieder singt, lösen sich zwei Männer aus dem Kreis. Sie gehen voreinander in die Hocke, begrüßen sich mit Handschlag und beginnen den Tanz. Sie selbst entscheiden wer gewinnt. Wenn sie sich in die Roda eingliedern, machen sie Platz für ein neues Paar. Kein Tanz ist identisch. Erlaubt ist alles. Capoeira lebt von der ständigen Bereitschaft, auszuweichen und anzugreifen. Dazu braucht es Menschenkenntnis. Die Kunst zu erahnen, was wohl der nächste Schritt des Gegners ist. Diese Kriegslist und Bösartigkeit heißt „Malícia“. In ihr spiegeln sich Intelligenz,Weisheit, Menschenkenntnis und Lebenserfahrung des Capoeiristas wieder.

Besonders macht den Sport eine Philosophie, die keiner so richtig erklären kann, weil man sie leben und erfühlen muss. Gemeint ist die hohe Konzentration und vollendete Einigkeit von Körper und Geist. Die Aktion und Reaktion. Die ständige Bereitschaft und Interaktion mit Fremden und Freunden. Kurze Begegnungen, freundschaftliche oder feindselige Kontakte. In der Capoeira spiegelt sich das Leben wieder. Die Kunst, trotz zahlreicher Schwierigkeiten, leicht und mit viel Lebensfreude den Alltag zu meistern, ist ein Dogma dieser Philosophie. Sie ist in den ironisch lächelnden Gesichtern der Capoeiristas zu erkennen. Der Rhythmus der endlosen Musik ist fröhlich, genauso wie die Roda. Die Kämpfer sind ernst, die Texte der Lieder erzählen von sozialem Elend und vom eigenen Stolz. Mit Leichtigkeit und Lebensfreude kämpfen, das ist brasilianische Lebenskunst.

23 September, 2010 Kein Kommentar

Wo die wirklich wilden Kerle wohnen

von Anne Kratzer

Foto: privat

Anne Kratzer, 19 Jahre alt, hat im Juni in Schongau ihr Abitur gemacht und verbringt die Zeit bis zu ihrem Psychologiestudium im Oktober in Florianópolis, Brasilien, wo sie in einem Waisenhaus in einem Favela lebt und „spielt“.

Ich lebe in einem Waisenhaus in einem Brasilianischen Favela. 20 Jungs und Mädchen zwischen acht und 17 Jahren leben hier mit einer Köchin, Putzfrauen, verschiedenen „Ecudadores“, Sozialpädagogen und nun auch mir.

Die Jugendlichen sind Waisen oder wurden von ihren Familien vernachlässigt und gewalttätig behandelt. Sexueller Missbrauch scheint in vielen Familien fast auf der Tagesordnung zu stehen. Ich verbringe den Tag damit, den Jungs durch meine „Fußballunkünste“ das Leben zu versüßen und mich von den Mädels abschlabbern zu lassen. Küsschen gehören offensichtlich zum brasilianischen Grundbedürfnis. Genauso wie beherztes Rumschreien, Tanzen und die leidenschaftliche Verfolgung nicht weniger leidenschaftlicher Telenovelas.

Die Jugendlichen hier gehen täglich vier Stunden zur Schule. Außerdem nehmen sie an Projekten teil. Sie können unter bestimmten Auflagen arbeiten oder sich künstlerisch und sportlich betätigten. Sie lernen Capoeira, surfen, turnen, basteln oder spielen Fußball. … weiterlesen

22 September, 2010 Kein Kommentar

Aktuelle Print-Ausgabe (NOIR 19)

Nachbarn kann man sich zwar nicht aussuchen, aber man kann ihnen begegnen. Und das tun wir von den unterschiedlichsten Seiten: Wie leben Nachbarn in Andalusien, im Nahen Osten, im Klassenzimmer? Außerdem geht es in der NOIR um Hamster-Missverständnisse, Streber-Opas und plötzlichen Postboten. Ihr lest von den Kriegsnarben in Bosnien-Herzegowina und zwei Studentinnen, die spontan im Westjordanland einen Dokumentarfilm gedreht haben. Besser nicht verpassen.
Viel Spaß beim Lesen! »

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