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Assi TV – Dumm und Deutsch

von Verena Frank und Anne Schuller

Nachmittags, halb zwei in Deutschland. We are family, Britt und die Super Nanny – Mitten im Leben der Deutschen.

Diese, aus ethischer Sicht verwerflichen, Fernsehproduktionen sorgen immer wieder für Kopfschütteln im Lande. Kritiker sind der Meinung, dass es unverantwortlich sei, Menschen derart bloßzustellen und ihre Charaktere zu verfälschen. Die endlos ansteigende Anzahl solcher Serien führe zur Verdummung der Gesellschaft.

„Die Würde des Menschen ist unantastbar“

Eine derartige Medienlandschaft scheint den ersten Paragraphen des deutschen Grundgesetzes zu verletzen. Daher sind Kritiker der Meinung,  dass es in diesen Serien nicht mit rechten Dingen zugeht und fordern die Abschaffung des unverantwortlichen Programms.

Fälschlicherweise werden Hartz IV-Empfänger als typischer Fernsehzuschauer solcher Reality-Soaps und Talkshows angesehen. Allerdings schaltet mittwochs um 20.15 Uhr knapp ein Fünftel aller Fernsehzuschauer auf RTL, um sich die Super Nanny anstatt der Bundestagsdebatte auf Phoenix anzusehen. Die Wahrscheinlichkeit, dass dieses Fünftel nur aus Hartz IV- Empfängern besteht, ist sehr gering.

Es ist offensichtlich, dass viele dieser Geschichten frei erfunden sind, um ein eventuell weniger anspruchsvolles Publikum zu unterhalten. Im Grunde genommen steckt hinter diesen Geschichten dennoch oft ein wahrer Kern. Die dargestellten sozialen Probleme treten in Deutschland häufiger auf: Alkoholismus, ungewollte Schwangerschaften, Armut und Verhaltensstörungen kommen selbst in den besten Familien vor, werden aber oft verschwiegen.

„Deutschland hat das Fernsehen, das es verdient“, findet Jürgen Doetz, der ehemalige Geschäftsführer von SAT1. Michael Bart, ehemaliger TV-Produzent für die RTL Group, liefert hierfür die Erklärung: „Solange geschaut wird, wird gesendet.“  Das soll heißen, dass die privaten Sender uns „asoziale“ Sendungen nicht aufzwingen, sondern dass ein großes Publikum diese durch das Einschalten ebensolcher Sendungen fordert.

Talkshows und Reality-Soaps sind weder psychologisch wertvoll noch informativ. Trotz allem sind sie seit Jahren ein Teil unserer Fernsehkultur und dies lässt sich nicht so leicht ändern. Selbst die unzähligen Nörgler und Weltverbesserer werden durch ihre Kritik nichts erreichen. Menschen sind von Natur aus gerne schadenfroh und können sich im Vergleich zu den überspitzten Charakteren „normal“ fühlen.

Boulevardjournalismus mag noch so viele schlechte Seiten haben – es gibt auch eine andere Seite, die man nicht vergessen sollte. Er kann als Anreiz dienen, um zum Beispiel verzweifelte Mütter darauf aufmerksam zu machen, dass es soziale Einrichtungen und ausgebildete Fachkräfte in unserem Land gibt. Jene können den Müttern helfen, mit verhaltensgestörten Kindern besser klarzukommen.

Sowohl „Assi TV“ als auch „Weltverbesserer“ sind realitätsfern und unglaubwürdig geworden. „Assi TV“ überspitzt und verfälscht Charaktereigenschaften seiner Darsteller. „Weltverbesserer“ meinen jedoch, eine millionenschwere Industrie und die Gesellschaft mit ihrem Gerede ändern zu können. Und wenn wir alle ehrlich sind, lacht doch jeder gerne mit einem Bier in der Hand und Chips im Mund über quengelnde Kleinkinder und Teenager außer Rand und Band.

28 November, 2010 1 Kommentar

Medien machen, Medien erleben

von Alexander Schmitz

Foto: Alexander Schmitz

Das größte Medienevent in Süddeutschland hat begonnen: 400 junge Medienmacher treffen sich von heute bis Sonntag in der Stuttgarter Hochschule der Medien. In 25 Workshops erstellen sie Texte, Fotos, Radiosendungen, Filme oder Layouts und lernen dabei Neues.

Die Teilnehmer vernetzen sich mit Gleichgesinnten, tauschen sich aus oder frischen alte Bekanntschaften auf. Dieses Jahr unter dem Motto „Globalisierung: Wir in der Welt“. Wie die Globalisierung Jugendliche beeinflusst und welche Möglichkeiten und Risiken sie bietet diskutieren sie im Laufe des Wochenendes gemeinsam.

Zur Eröffnung sprachen unter anderem Stuttgarts Sozialbürgermeisterin Isabel Fezer und Dr. Carsten Rabe vom Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg. Passend zum Motto kamen die Teilnehmer nicht nur aus Deutschland, sondern auch aus Österreich, der Schweiz, Vietnam, Montenegro und Serbien.

Nach den ersten Workshopstunden gab es einen umfangreichen Open Space als Abendprogramm. Sehr beliebt bei den Teilnehmern war der ausgezeichnete Poetry Slam. Daneben gab es Kurzfilme, eine Wii-Olympiade, Singstar, Speed-Dating und zwei gemütliche Lounges zum Entspannen.

Am Samstag bekommen die Teilnehmer in Gesprächpanels, Erzählcafés und Symposien mit Medienvertretern und Referenten aus Politik, Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur Einblicke in die Medienlandschaft. … weiterlesen

26 November, 2010 3 Kommentare

CSD-Parade 2010 in Stuttgart

von Ann-Katrin Wieland

Foto: Ann-Katrin Wieland

Unter dem Motto „Schön wär’s“ kamen mehr als 200.000 Zuschauer und über 60 Paradegruppen am 31. Juli 2010 in Stuttgart zusammen, um den CSD zu feiern. Mit dem CSD möchten sich vor allem Homosexuelle für ihre Rechte stark machen und für ihre Gleichstellung in der Gesellschaft einsetzen. Ann-Katrin Wieland aus der Noir-Redaktion war vor Ort und hielt einige Momente der Parade fest. … weiterlesen

1 August, 2010 Kein Kommentar

Zitat der Woche: Ganz neue Töne von der Bahn

von Kai Mungenast

»Es wurden Fehler gemacht«, Bahnchef Rüdiger Grube

Foto: Dr. Rüdiger Grube; DB AG/Marc Darchinger

In den letzten Tagen waren die Zeitungen gefüllt mit immer wieder neuen Horrormeldungen aus den Zügen der Deutschen Bahn. Nun habe ich wagemutig den Selbsttest unternommen: Ich ging in Freiburg in den Hauptbahnhof, habe ein Ticket nach Karlsruhe gelöst und auf den ICE gewartet. Mit einer fünfminütigen Verspätung fuhr der weiße Hochgeschwindigkeitszug an Bahnsteig 1 ein, ich stieg ein. Kaum am Platz spürte ich einen kühlen Wind. Die Klimaanlage funktionierte perfekt und zeigte, wie Leistungsfähig sie sein kann. Die Herausforderung für die technische Anlage an diesem Tag war vermutlich nicht sehr hoch, schließlich hatten sich die heißen Temperaturen verabschiedet, gerademal 28 Grad konnte man draußen messen.

Also noch genug Luft, bis die Obergrenze der Klimaanlage in den Zügen erreicht ist. Wie nun bekannt wurde, soll diese bei 32 Grad liegen. Mit höheren Temperaturen haben die Ingenieure vor einigen Jahren wohl nicht gerechnet. Nun hatten wir vor einigen Tagen die warmen Spitzentage in diesem Jahr und die Technik versagte total: Mehrere jüngere und ältere Fahrgäste waren in den Fahrröhren gefangen, ohne frische Luft und ohne ausreichende Kühlung. Eine Kraftprobe für den Kreislauf, der bei manch einem Fahrgast versagte. Am Endbahnhof mussten dann Rettungskräfte alarmiert werden. Keine schöne Erfahrung, die mir bei meiner Fahrt zum Glück erspart blieb. … weiterlesen

27 Juli, 2010 1 Kommentar

Die größte Vuvuzela der Welt

von Lisa Zeller

Nein, Kapstadt, es legt nicht alle paar Tage ein Dampfer am Kap an! Es ist die größte Vuvuzela der Welt! Ob man die reguläre Vuvuzela liebt oder hasst: Der erste Anblick dieser Riesenvuvuzela wird wohl allen den Atem rauben – und den Hörsinn. Anlässlich der Weltmeisterschaft hat die Firma Hyundai beschlossen, die Rekord-Vuvuzela zu erbauen. Sie wurde auch schon von Guiness-Mitarbeitern offiziell zur weltgrößten Vuvuzela erklärt. So wurde der Platz einer nicht fertig gebauten Highway-Brücke mitten in der Stadt genutzt, um den 35-Meter langen Koloss aufzustellen. Natürlich wurden keine halben Sachen gemacht: Die weltgrößte Vuvuzela muss natürlich auch den entsprechenden Ton von sich geben! Per Funk gesteuert gibt sie vor Anpfiff eines jeden Spiels den berühmten Vuvuzela-Ton von sich – mit einer Hörweite von geschätzt einer Meile! Zudem werden alle Tore auf einer digitalen Anzeige unter dem gigantischen Trichter der Vuvuzela gezählt. Heute ertönt sie wohl für lange Zeit zum letzten Mal.

Ein Zitat der Südafrikanerin Candice zur Vuvuzela:

„Sie ist einfach Bestandteil der südafrikanischen Sportkultur. Wer den Ton nicht mag, soll sie halt beim Feiern als Trinktrichter benutzen!“

Ob ihr nun zu den Vuvuzela-Fans oder zu den -hassern gehört: Eine Soundprobe möchte ich euch nicht vorenthalten.

11 Juli, 2010 2 Kommentare

Ein Lichtermeer: Stimmung, Tradition, Kult

von Clara Dupper

Foto: in.Stuttgart (Wolfgang List)

Ein Park, Tausende Menschen, Sicherheitsleute stehen an Absperrungen, Flaschen werden ausgetrunken und weggeschmissen, Taschen nach Gegenständen, die gefährlich sind, durchsucht. Es ist 16 Uhr. Eine normale Situation am 10. Juli 2010. Nein, es spielt nicht die Nationalmannschaft – noch nicht – und nein, es handelt sich nicht um Public Viewing. Es ist Lichterfest auf dem Killesberg Stuttgart. Wieder sind Tausende Menschen, teilweise von weit angereist, um mit Freunden im Tal der Rosen im Stuttgarter Killesbergpark zusammenzusitzen, den Gesängen der Bands zu lauschen und mit dem Feuerwerk den 60. Geburtstag des Nuon Lichterfestes zu feiern. Das Lichterfest ist Kult. … weiterlesen

11 Juli, 2010 Kein Kommentar

Im Chaos der guten Hoffnung

von Lisa Zeller

Ich habe doch alles so gut geplant! Es wäre so ein tolles Bild geworden: Das Green Point Stadion in voller Pracht mit Schlange stehender Deutschland- und Argentinien-Fans und das Ganze im Glanz der strahlenden Sonne über Kapstadt. In der Schlange steh ich jetzt allerdings auch – und zwar im Auto. Ich hatte die Rechnung nämlich nicht mit der Stadt Kapstadt und der Fans gemacht, die alle den selben Weg antreten. Die Stadt Kapstadt hat nämlich beschlossen, während der WM die wichtigste Straße zum Stadion zu sperren, um den öffentlichen Verkehr und die Shuttle-Busse zu fördern. Hätten wir alle doch nur darauf zurückgegriffen! 

Stau schon lange vor Kapstadt - Foto: Lisa Zeller

Als ich nach einer Stunde die nächste Ausfahrt erreiche, überlege ich nicht lang: Ich gebe auf. Geh lieber zum Fanfest. Doch was ist das? Autos kommen nicht weiter. Zu groß ist die Zahl der Fans, die die Straße überqueren. Die Polizei muss den Verkehr eigenständig regeln. Ich stehe an der Ampel und schaue wie die Scharen die Straße versperren. Endlich stoppt die Polizei die Fußgänger und lässt die Autos passieren. Dabei spielt ja nicht mal eine afrikanische Mannschaft. Trotzdem ist das Chaos perfekt! Auf dem Weg vom Parkplatz zum Fanfest werde ich sogar Zeuge einer Schlägerei! Ein Autofahrer hat versucht, sich den Weg durch die Masse zu bahnen, wurde natürlich wütend, als ein Passant mit seiner Vuvuzela auf das Auto getrommelt hat. Die Security stoppt das Geschehen zum Glück sofort. … weiterlesen

6 Juli, 2010 Kein Kommentar

Bundesversammlung wählt Wulff

von Luca Leicht

Christian Wulff - Archivfoto - Foto: "Manos Radisoglou" / www.jugendfotos.de, CC-Lizenz(by)

Heute Mittag wurden die 1244 Wahlmänner der Bundesversammlung aus der ganzen Republik in den Reichstag bestellt, um den Nachfolger für Horst Köhler ins Schloss Bellevue zu wählen. Nachdem die Stimmen zum ersten Wahlgang abgegeben wurden und die erste Auszählung ein Ergebnis ergab, war es soweit: Zuversicht und Freude sah man auf der einen Seite, blankes Entsetzen und verärgerte Mienen auf der anderen. Kaum einer der CDU-Mitglieder hatte damit gerechnet, dass ihr Kandidat, der Ministerpräsident aus Niedersachsen, Christian Wulff, mit nur 600 Stimmen im ersten Wahlgang auffährt. Passend zur laufenden WM werden Worte aus dem Fußball-Jargon laut: Das Ergebnis sei eine Ohrfeige für die Kanzlerin und die Bundesregierung. Die Reihen der SPD und Grünen waren dagegen mehr als zufrieden mit dem ersten Ergebnis. Ihr Kandidat Joachim Gauck erhielt 499 Stimmen und damit 37 Wahlzettel mehr als Wahlmänner von diesen beiden Parteien gestellt wurden. Die Linke schickte mit Lukrezia Jochimsen eine eigene Kandidatin ins Rennen um das Amt des Bundespräsidenten. Sie erhielt lediglich 126 Stimmen. Da die ersten zwei Wahlgänge allerdings eine absolute Mehrheit von 623 Stimmen erfordern um ein endgültiges Ergebnis zu liefern gab es einen zweiten Wahlgang. … weiterlesen

30 Juni, 2010 Kein Kommentar

Ayoba Deutschland! Südafrikanische Deutschland-Fans

von Lisa Zeller

Ich höre überraschend viele deutsche Stimmen auf dem Fanfest in Kapstadt. Heute spielt Deutschland gegen Ghana und zum Public Viewing haben sich eine kleine Gruppe Fans beider Seiten versammelt. Doch ich bin auf der Suche nach einer Gruppe bestimmter Deutschland-Fans: gebürtigen Südafrikanern.

Ich treffe auf Gail, die tanzend eine Südafrika- und eine Deutschlandflagge schwingt. „Warum bist du Deutschland-Fan?“, frage ich sie. Sie lacht. „Wegen ihm!“, dabei zeigt sie auf ihren Freund, Jens, einen Deutschen. „Und weil sie gut sind!“

Weiter außerhalb der Menge stehen Norman und Shaun, zwei Südafrikaner in Deutschland-Montur. „Ich bin allgemein begeistert vom europäischen Fußball – und da find ich Deutschland halt am besten“, erzählt mir Norman und bläst in seine Vuvuzela. Shauns Vorliebe für das Deutschland-Team hat historische Hintergründe: „Ich bin seit Ende der 80er ein Fan von Deutschland. Während der Apartheid war bei uns im Land ja nichts mit Fußball. Mein Onkel war also ein Deutschland-Fan und wir haben bei ihm immer Fußball geschaut. Das hat dann auf mich abgefärbt. Wir haben zwar jetzt eine eigene Nationalmannschaft, aber Deutschland ist und bleibt mein Favorit!“

24 Juni, 2010 Kein Kommentar

Bafana bafana!

von Lisa Zeller

„Bafana bafana“ – zu deutsch: „Die Jungs, die Jungs“ – wird die südafrikanische Nationalmannschaft liebevoll genannt. Man sollte bei so einem Spitznamen nicht denken, dass das südafrikanische Volk abfällig von ihrem eigenen Team denkt. „Es wird so peinlich für uns!“, sagten mir viele vor knapp vier Jahren, als feststand, dass die WM 2010 in Südafrika stattfinden wird. Auf Fragen wie: „Wann räumst du endlich dein Zimmer auf?“ wurde scherzhaft geantwortet: „Wenn Bafana wieder gewinnen!“ Nein, hinter ihrem Team standen die Südafrikaner wirklich nicht. Fast eine Woche nach Beginn des Verkaufs wurde in Südafrika noch kein einziges Ticket für Bafana-Spiele verkauft!

Doch vor dem Spiel gegen Mexiko ist von dieser Trägheit keine Spur mehr! Unterwegs treffe ich singende und tanzende Fans, von Kopf bis Fuß in Südafrika-Montur gekleidet. Ja, sie haben etwas länger gebraucht, aber man merkt: Die Südafrikaner stehen voll und ganz hinter ihrem Team! Jetzt heißt es: „Ich weiß, Bafana sind nicht die Besten, aber als sie am Freitag das Tor geschossen haben, hab ich am lautesten geschrien!“

Hier einige Fan-Bilder meiner Tour durch Kapstadt am Tag des ersten Spiels:

Bleibt nur zu hoffen, dass dieser neu gewonnene Zusammenhalt des Landes durch die Niederlage gegen Uruguay nicht verloren geht.

17 Juni, 2010 Kein Kommentar

Aktuelle Print-Ausgabe (NOIR 19)

Nachbarn kann man sich zwar nicht aussuchen, aber man kann ihnen begegnen. Und das tun wir von den unterschiedlichsten Seiten: Wie leben Nachbarn in Andalusien, im Nahen Osten, im Klassenzimmer? Außerdem geht es in der NOIR um Hamster-Missverständnisse, Streber-Opas und plötzlichen Postboten. Ihr lest von den Kriegsnarben in Bosnien-Herzegowina und zwei Studentinnen, die spontan im Westjordanland einen Dokumentarfilm gedreht haben. Besser nicht verpassen.
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