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Wo Kampf und Tanz sich küssen: Capoeira

von Anne Kratzer

Foto: Fábia Hafermann/ CCEA

Freund und Feind. Tanz und Kampf. Uralte Tradition und Spontaneität. Körper und Geist. Interaktion von Gruppe und Individuum. Gewalt und Ästhetik. Rhythmus und Musik. Kreativität und Kraft. Das ist Capoeira.

Das soziale Projekt, in dem ich in Brasilien arbeite, bietet Kindern und Jugendlichen Capoeirakurse an – Eine Alternative zu Drogen und Kriminalität.

Die afrobrasilianische Kampfkunst wurde im 18. Jahrhundert von Sklaven in Brasilien entwickelt, um ihre Freiheit zu bewahren und sich in Selbstverteidung gegenüber den Sklavenhaltern zu üben. Viele Jahrhunderte lang war Capoeira verboten.

In den Straßen der Favelas findet man einen singenden Kreis, die „Roda“. Diese Gemeinschaft ist der erste der drei Aspekte jeder Capoeira. Endlose Rhythmen und alte Lieder, begleitet von Trommeln und dem Capoeira Instrument Berimbau, bilden die Musik. Das ist der zweite Teil. Den dritten Teil bildet der akrobatische Tanz oder Kampf zweier Personen im Inneren des Kreises. Fairness, Respekt und Fröhlichkeit sind unverzichtbar. Die Dynamik, die dem immerwährenden Bewegungsfluss innewohnt, ist unbeschreiblich.

Foto: Fábia Hafermann/ CCEA

„Minha vida é capoeira.“ „Mein Leben ist Capoeira“ singt die „Roda“. Während die Gruppe ununterbrochen musiziert und alte Lieder singt, lösen sich zwei Männer aus dem Kreis. Sie gehen voreinander in die Hocke, begrüßen sich mit Handschlag und beginnen den Tanz. Sie selbst entscheiden wer gewinnt. Wenn sie sich in die Roda eingliedern, machen sie Platz für ein neues Paar. Kein Tanz ist identisch. Erlaubt ist alles. Capoeira lebt von der ständigen Bereitschaft, auszuweichen und anzugreifen. Dazu braucht es Menschenkenntnis. Die Kunst zu erahnen, was wohl der nächste Schritt des Gegners ist. Diese Kriegslist und Bösartigkeit heißt „Malícia“. In ihr spiegeln sich Intelligenz,Weisheit, Menschenkenntnis und Lebenserfahrung des Capoeiristas wieder.

Besonders macht den Sport eine Philosophie, die keiner so richtig erklären kann, weil man sie leben und erfühlen muss. Gemeint ist die hohe Konzentration und vollendete Einigkeit von Körper und Geist. Die Aktion und Reaktion. Die ständige Bereitschaft und Interaktion mit Fremden und Freunden. Kurze Begegnungen, freundschaftliche oder feindselige Kontakte. In der Capoeira spiegelt sich das Leben wieder. Die Kunst, trotz zahlreicher Schwierigkeiten, leicht und mit viel Lebensfreude den Alltag zu meistern, ist ein Dogma dieser Philosophie. Sie ist in den ironisch lächelnden Gesichtern der Capoeiristas zu erkennen. Der Rhythmus der endlosen Musik ist fröhlich, genauso wie die Roda. Die Kämpfer sind ernst, die Texte der Lieder erzählen von sozialem Elend und vom eigenen Stolz. Mit Leichtigkeit und Lebensfreude kämpfen, das ist brasilianische Lebenskunst.

23 September, 2010 Kein Kommentar

Ein Jahr Bosnien

Für ein Jahr werden Sophie Rebmann und Andreas Hensler im Rahmen eines Freiwilligendienstes in Bosnien-Herzegowina leben. Andreas verbringt dort ein Jahr im Rahmen des Programms „kulturweit“ in Gračanica, einer Stadt in der bosnischen Föderation. Er wird an einer Schule Deutschunterricht geben und sich an anderen AGs der Schule beteiligen. Sophie geht im Rahmen eines Freiwilligen Sozialen Jahres im Ausland nach Banja Luka, in die Hauptstadt der serbischen Entität in Bosnien um dort ein Jugendhaus mitaufzubauen. Die beiden werden abwechselnd aus verschiedenen Sichtweisen von ihren Erlebnissen auf dem Balkan und den Erfahrungen als Freiwillige berichten.

20 September, 2010 Kein Kommentar

Sundari könnte ihren Körper in jedem Hotel verkaufen

von Maria Hörl

Foto: Maria Hörl

Sundari ist gerade 18 Jahre alt geworden und hat damit schon fast die Hälfte ihres Lebens hinter sich. Voraussichtlich wird sie ca. vierzig Jahre alt werden: Sundari ist HIV positiv. Als sie zehn war, starb ihre Mutter. Mit zwölf verlor sie ihren Vater. Hierher gebracht hat sie ihr Musiklehrer, der Freund ihres Vaters. „Hierher“, damit meint sie das Entwicklungshilfeprojekt der Ordensschwestern, der „Helpers of Mary“ im Kinderdorf Naya Jeevan, etwa achtzig Kilometer von Mumbai entfernt. Das war 2006. Seither wohnt sie hier und wird von den Ordensschwestern versorgt. Sie kümmert sich um ihre vierzehnjährige Schwester und um ihren zwölf Jahre alten Bruder. Für die beiden versucht sie ein wenig Mutterersatz zu sein. Ihr Onkel besucht sie rund ein Mal im Monat. Die anderen Verwandten haben Angst vor einem Besuch.

Im Jahr 2008 waren nach Angaben der Organisation UNAIDS  rund 1,5 Millionen Menschen in Osteuropa und Zentralasien mit HIV infiziert. Die Zahl in diesen Regionen steigt jährlich. In West- und Zentraleuropa sind es rund 850 000 Menschen. Weltweit gehen die Neuinfektionen zurück, obwohl laut UNAIDS zurzeit rund 10 Millionen infizierte Menschen weltweit nicht mit den notwendigen Medikamenten versorgt werden.

Sundari bekommt zwei Mal am Tag Medizin. Die Medikamente werden von der Regierung kostenlos bereitgestellt. Es gäbe auch Behandlungsmöglichkeiten, die Sundari länger leben lassen würden, doch diese können sich die Ordensschwestern nicht leisten.

20 September, 2010 Kein Kommentar

Ich, Veganer, Klimaschützer?

von Fabienne Kinzelmann

Foto: "Christian Wolf" / www.jugendfotos.de, CC-Lizenz(by-nc)

Immerhin  zehn Prozent  der Menschen in Deutschland ernähren sich vegetarisch. Veganer verzichten sogar komplett auf tierische Produkte – Philipp ist einer davon.

Keine Milch, keine Eier und erst recht kein Fleisch: Philipp fällt auf. Nicht wegen seiner langen schwarzen Haare oder der verschlissenen Kleidung, sondern vor allem wegen seines Essverhaltens. Er betrachtet sorgfältig jede Verpackung bevor er zugreift. Oder er kocht selbst – um sicher zu gehen, dass es wirklich vegan ist. Gehört hat man die Bezeichnung „Veganer“ sicherlich schon, vielleicht auch darüber gelesen. Doch wenn plötzlich jemand sagt: „Hey, ich bin jetzt übrigens Veganer!“ fängt man an zu überlegen, was das jetzt wirklich bedeutet. So ging es Philipp vor über eineinhalb Jahren.

Fleischfrei ernährte er sich seit seinem 14. Lebensjahr. Nach seinem heutigen Empfinden eine  „nicht durchdachte und spontane Entscheidung“. Interessiert beschäftigte  sich der Baden-Württemberger intensiver mit dem Leben ohne jegliche tierische Produkte: „Ist das gesund? Was bewegt einen dazu?“. Er setzte sich mit den ethischen Aspekten auseinander und war nach ein bisschen Recherche schnell vom Tierschutz überzeugt. Daher fasste  den Entschluss, Tiere nicht länger für sein ohnehin schon luxuriöses Leben als Mensch leiden lassen zu wollen. „Ich habe angefangen, auszusortieren und mich nach und nach von allem Tierischem abzusetzen. Meine Mutter war gar nicht begeistert, hat es als „Phase“ abgetan und gemeint: „Wenn du 18 bist, reden wir da nochmal drüber“, erzählt Philipp. Mittlerweile ist er 19 – und seine Mutter hat akzeptiert, dass im Kühlschrank für Sojamilch und Tofu Platz gemacht werden muss. Seine Familie isst Philipp zuliebe mittlerweile selbst oft vegan. … weiterlesen

26 Juli, 2010 1 Kommentar

Handicap

von Stefan Franke

Prolog

„Handicap“ erzählt von der Zeit meines Zivildienstes in der Pestalozzischule Fulda.

Ein Jahr mit behinderten Menschen zwischen 6 und 18 Jahren – neue Eindrücke und Erfahrungen mit emotionaler Tiefe. In 20 Fotografien geht es dabei um viel mehr als nur um eine reine Zeit. Im Vordergrund stehen gesellschaftliche Fragen. Wie sehen wir Menschen mit Behinderungen? Wie nehmen wir sie auf und ist Integration noch das richtige Wort? Mit bewegenden Bildern aus dem Alltag, stillen Zeitzeugen und tiefgründigen Portraits der Kinder gehe ich auf eine Reise durch unsere Gesellschaft, unsere Empfindungen und Gefühle. Emotionen, die geprägt sind von Persönlichkeiten, behinderten Menschen, nicht behinderten Menschen und die damit verbundenen Barrieren. Die Bilder sollen bewegen, berühren und zum Dialog auffordern, Unsicherheiten beseitigen, Menschen mit und ohne Behinderung zusammenbringen und gesellschaftliche Offenheit fordern. … weiterlesen

11 Juni, 2010 Kein Kommentar

»Fremde Kulturen sorgen für einen Tapetenwechsel«

von Ekaterina Eimer

Ein Interview über Reisetrends, Migration und das Problem von Balkonien-Urlaub. Ekaterina Eimer befragte PROFESSOR MATTER vom Institut für Volkskunde der Uni Freiburg

Reisen, unterwegs sein oder emigrieren ist heute so angesagt wie nie zuvor. Wo würden Sie den Beginn dieser Entwicklung ansetzen?

Wanderung und Migration sind überzeitlich. Das hat es schon immer gegeben. Zunächst ging es um Gold, Gewürze und wirtschaftliches Potenzial – Reisen und Erobern hat sich rentiert. Später kamen Ursachen wie Umsiedlung, Vertreibung, Armut und Klimakatastrophen hinzu. Bevölkerungsdruck und Entbehrungszustände führen immer dazu, dass Menschen auswandern in dem Glauben, anderswo ein besseres Leben vorzufinden. … weiterlesen

10 Februar, 2010 Kein Kommentar

Mehr Glück als Verstand?

von Georgia Hädicke

Ratgeber boomen und versprechen Hilfe in allen Lebenslagen. Georgia Hädicke ist unglücklich und schreibt bald eine Klausur. Hilfe muss her

„Glück ist genauso gut wie Verstand, wenn es funktioniert“, hat ein kluger Mensch mal gesagt. Wenn ich mich richtig erinnere, war es ein älterer Herr in einem Krimi aus dem Mittagsprogramm bei Kabel 1. Es sind noch drei Tage bis zu meiner letzten Klausur und ich denke an den älteren Herrn, weil mir mein Verstand bei dieser letzten Hürde nicht viel helfen wird. Glück muss her. In größeren Mengen, wenn möglich. … weiterlesen

10 Februar, 2010 Kein Kommentar

Leben mit leichtem Herzen

von Sabrina Kurth

„So glücklich wie ich, gibt es keinen Menschen unter der Sonne“, rief Hans im Glück, nachdem er alles verloren hatte. Doch die Sparkasse-Werbung „Mein Haus, mein Auto, mein Boot“ behauptet, nur wer Geld hat, wird glücklich. Woher kommt also das Glück? Und wem geben die alten Philosophen recht: Hans oder der Sparkasse?

Der vermutlich erste Philosoph, der eine komplette Glücksphilosophie entworfen hat, war Aristippos von Kyrene (435–355 v. Chr.). Für ihn ist Glück gleichbedeutend mit Lustgewinn. Das heißt: Alles, was dem Körper und der Seele gut tut, bringt Glück. Dabei unterscheidet er nicht zwischen verschiedenen Formen von Lust. Ob wir uns über einen warmen Sommerregen freuen, ein schönes Geburtstagsgeschenk oder die Geburt der kleinen Schwester, für Aristippos hätte das alles dieselbe Qualität. Sein Ziel war es, die Lust zu maximieren und keinen Schmerz zu haben. Ob andere dabei Glück empfinden, war nebensächlich. Was für ihn zählte, war nur das eigene Glück. Der einfachste Weg sei, so Aristippos, so viel Reichtum wie möglich anzuhäufen. 1:0 also für die Bankmethode. … weiterlesen

9 Februar, 2010 Kein Kommentar

Real Life und das echte Leben

von Sebastian Czub

Real Life ist in. Den Trend hat jeder TV-Sender erkannt, allen voran die privaten. Von Peter Zwegert, dem Schuldenberater, natürlich staatlich geprüft, bis hin zu „Bauer sucht Frau“ wird jede Art des Lebens und Zusammenlebens durch mindestens eine Sendung abgedeckt. Die Sender, die keine Auswanderer-Reportage im Programm bieten, sind von vornherein nicht mehr auf dem aktuellen Stand. Als „Blödsinn, widerwärtig“ und „nicht zu ertragen“ beschreibt Marcel Reich-Ranitzki die Situation im deutschen Fernsehen.

Ganz so schlimm mag es vielleicht doch nicht sein, zumal nicht jeder gerne Arte in seiner Freizeit sieht. Die Zuschauerzahlen bestätigen das. Quoten sind ohnehin wichtig. „Ohne Quoten geht einfach nichts“, sagte Nikolaus Brender, Chefredakteur des ZDF auf den Jugendmedientagen 2008 in Mainz. Um Quoten zu erreichen, muss die Sendung gut sein. Besser als die der Konkurrenz und oftmals besser als die Realität selbst. Die Folge: Es wird gefaked. Das beginnt bereits, wenn Tine Wittler, Wohnexpertin bei RTL, an der Haustüre klingelt und die überraschte Familie, die natürlich vollzählig in der Tür steht, schon die richtigen Mikrophone angesteckt hat.

Als irrelevante Nebensache wird dies von den Sendern selbst abgetan, schließlich wird die eigentliche Botschaft der Sendung nicht wesentlich beeinflusst. Seltsam jedoch, wenn in einer Überraschungssendung alle vorher Bescheid wissen. „Bauer sucht Frau“ ist spätestens seit dem Bildzeitungsartikel vom 1. Dezember enttarnt. Der Bild-Zeitung wurde ein firmeninterner Vertrag zwischen der Produktionsfirma und den Frauen aus der Sendung vorgelegt.

Während es in der Sendung so scheint, als könnten die Frauen selbst den Bauern ihrer Träume auswählen, haben sie zwar in der Realität die Möglichkeit Wünsche zu äußern, werden dann aber fest zugeteilt. Die 26-jährige Bianca wollte eigentlich zu Bauer Andi. Leider war dieser schon völlig ausgebucht, und Bianca wurde Bauer Markus zugeteilt. Den mochte sie allerdings gar nicht. Kandidatin Silke hatte sich zwar für Bauer Markus beworben, war nach dem erstenTreffen jedoch äußerst abgeneigt.

Doch auch hier schreibt der Vertrag feste Regeln vor: Unter drei Tagen geht keiner. So kam es dann, wie es kommen musste. Silke blieb bei Markus und spielte der Kamera Gefühle vor. Doch als die Regisseurin beim gemeinsamen Tanz einen romantischen Kuss forderte, „war Schluss“, so Silke gegenüber der Bild. Doch der übermütige Markus war nicht mehr zu stoppen und hatte seine Lippen schon auf ihre gepresst. „Nicht zu beschweren“ habe sich Silke, meint die Regiesseurin, schließlich kassiere sie 150 Euro pro Tag, beim Scheunenfest sogar 250 Euro.

Wer das noch als Kleinigkeiten ansieht, sollte Bauer Bernhard und seine Liebste Beate genauer unter die Lupe nehmen. Nicht nur, dass sich die zwei zwar im Fernsehen getrennt haben, hinter der Kamera aber eigentlich zusammenziehen, sondern auch die Tatsache, dass Bernhard eigentlich gar kein Bauer ist. Er vermietet landwirtschaftliche Fahrzeuge und ist Großhändler für Heu. Die Rinder, die in der Sendung immer wieder gezeigt werden, sind „nur noch der Rest von der Landwirtschaft.“

Quoten erzielen kann nicht jeder, und es mag auch eine Herausforderung sein. Wer schummelt, hat es einfacher. Dem Zuschauer etwas vortäuschen, was es in Realität nicht gibt – den Trend hat jeder TV-Sender erkannt.

9 Februar, 2010 Kein Kommentar

Aktuelle Print-Ausgabe (NOIR 19)

Nachbarn kann man sich zwar nicht aussuchen, aber man kann ihnen begegnen. Und das tun wir von den unterschiedlichsten Seiten: Wie leben Nachbarn in Andalusien, im Nahen Osten, im Klassenzimmer? Außerdem geht es in der NOIR um Hamster-Missverständnisse, Streber-Opas und plötzlichen Postboten. Ihr lest von den Kriegsnarben in Bosnien-Herzegowina und zwei Studentinnen, die spontan im Westjordanland einen Dokumentarfilm gedreht haben. Besser nicht verpassen.
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